Warum wir das tun
Ich hätte niemals gedacht, dass ich selbst ein Opfer sein würde
- Anonymous Coward am Montag den 11. Februar um 19:11
Erster Post
Euer verlinktes Video Voiceless hat mich wirklich überrascht. Ich hätte nicht erwartet, dass es mir derart nahe gehen würde, dass ich in Tränen ausbreche.
Vor langen Jahren war ich sehr extensiv in CoS involviert. Ich schluckte den Köder. Ich dachte,
ich hätte die ultmative Antwort auf alles, und ich war gewillt, dafür mit meinem Leben zu kämpfen.
Ich ertrug grausame, mindestens 12 Stunden andauernde Arbeitstage ohne Bezahlung für eine Chance, die Welt zu retten. Ich lernte, effektiv zu lügen (Scientology nennt Leute mit dieser Ausbildung TRs). Ob meines Ehrgeizes hatte ich auch bald ein Büro in den “International Administration Headquarters” in Hollywood, im “Flag Command Bureau” als ein Mitglied der Sea Org inne. Es war ein gemütliches Büro mit einem Fensterplatz, von welchem aus man Hollywoods Innenstadt überblicken konnte. Zudem trug ich eine schicke Uniform, welche an das Militär erinnerte.
Es ist schwer zu beschreiben wie berauschend das Gefühl ist, alle Antworten auf die Probleme unserer Welt zu haben. Und als ein Scientologen Hardliner glaubst du, genau diese Antworten zu kennen. Du wähnst dich in der Lage zu sein, eine wunderbare Welt, frei von jeglichem Drogenmißbrauch, jeglicher Kriminalität, jeglichen Wahnsinns und jeglichem Krieg kreieren zu können. Alles was du dafür tun musst, ist Hubbards Technologien anzuwenden.
Du hast dich auf die Seite der Freiheit, des Wissens, der Wahrheit und des Glaubens an die grenzenlose Kraft in dir selbst gestellt. Jeder, der sich dir und deinen Zielen in den Weg stellt, muss um jeden Preis zum Schweigen gebracht und entmachtet werden. So einfach geht das!
Aber irgendetwas war einfach nicht in Ordnung. Ganz gleich wie sehr ich mich anstrengte, es war immer zuwenig, oder ich ging es falsch an. Ich hatte Probleme damit, die Bänder und Bücher vollständig zu verstehen, so dass ich den Sinn dahinter nicht erfassen konnte. Wenn meine Meinung mit dem Inhalt der Bücher, die ich las nicht konform ging, wurde ich in scheinbar endlose “Word Clearing” Sitzungen geschickt, in welchen ich jedes einzelne Wort, und zwar eines nach dem anderen, im Wörterbuch nachzuschlagen hatte, um das MU oder “Misunderstood Word” zu finden. Ich hatte Probleme, frühmorgens rechtzeitig aufzustehen. Von Zeit zu Zeit wurde mir übel, was ein Anzeichen dafür ist, dass ich ein “PTS” war und daher ethisch “gehandhabt” werden musste. Also unterzog ich mich endlosen “Ethics Conditions”, und das obwohl ich ja eigentlich sehr bemüht darum war, Hubbards Lehren zu folgen. Man legte großen Bedacht darauf, mich davon zu überzeugen, dass das Problem in mir selbst, und nicht etwa in den Büchern lag. Es ist schwer zu beschreiben, wie es sich anfühlte, von Leuten umgeben zu sein, welche die Bücher scheinbar ohne Probleme verstanden, während man selbst daran scheiterte, und das obwohl mir ein ausgezeichneter IQ bescheinigt wurde, und ich auch sonst keine Probleme damit hatte, irgendetwas zu lesen und es sofort zu verinnerlichen. Ich war überzeugt, dass mit mir etwas nicht stimmte. Oft weinte ich, bevor ich Nachts schlafen ging.
Klar, sie hatten die Techniken, aber wer konnte mir diese nahebringen? In meiner Arbeit war ich fortan sehr effektiv, ich schaffte es, sehr effizient zu arbeiten. Für meinen Arbeitseifer, und für meine genaue, qualitätsbewusste und produktive Arbeitsweise war ich sehr bald bekannt. Es schien als würde alles was ich anfasste zu Gold werden. Dennoch schaffte ich es nicht die wohl erstaunlichste Technologie der Welt zu verstehen. Ich war in der Lage, Bücher über Mathematik, Flugtechnik oder Software zu verinnerlichen und das gelernte ohne Probleme umzusetzen, jedoch gelang mir das nicht mit den Lehren von Scientology. Etwas war mit mir nicht in Ordnung, davon war ich überzeugt. (Dies gleicht dem Test der Auffassungsgabe von Scientology. Kannst du einen Text lesen, und bist du danach in der Lage diesen umzusetzen?)
Und so begann mein großer Sturz, von ganz oben nach ganz unten. Langsam aber sicher, über Monate und Jahre, versiegte mein früherer Glanz. Auch in meinem Job driftete ich bis ans Ende der Schlange, bis ich schließlich ganz weit unten angelangt war.
Das RPF.
Auch bekannt als die “Rehabilitation Project Force”. Man kann es sich wie ein Gefängnis für Scientologen vorstellen. Du bist ein ganz, ganz schlechter Mensch, und irgendetwas läuft verdammt verkehrt mit dir.
Man bekam ganze 7 Stunden Schlaf in einer überfüllten, stinkenden, von Kakerlaken belagerten Koje im Keller, in welcher sich ein Stockbett befand, welches Platz für 3 Leute bot. Du trägst schwarze Overalls mit farbigen Armbändern. Zu Essen bekommst du nur die Überreste von Mahlzeiten. Dein Gehalt wird, im Vergleich zu den normalen Bediensteten, um ein Viertel gekürzt. Von früh Morgens, bis zu deiner “Personal Enhancement Time” musst du harte, zermürbende und abstossende Arbeiten erledigen. Von da an nämlich hast du zweieinhalb Stunden Zeit, um Scientology Bücher zu lesen und dir Bänder von Scientology anzuhören, um danach den Tag zu beenden. Du darfst nicht mit anderen Mitgliedern, welche nicht Teil der RPF Indoktrination sind, und sich somit im Gegensatz zu dir in einer gefestigten Position befinden, sprechen. Jedoch dürfen diese dir ohne Weiteres Befehle erteilen. Es ist dir nicht erlaubt, zu gehen, das ist kein Scherz! Überall wo man hinmöchte, muss man rennen, und wenn man dabei erwischt wird, wie man geht, anstatt zu rennen, wird man gezwungen, Push-Ups oder schlimmeres zu machen. Auch muss man dafür Sorge tragen, nicht in das öffentliche Blickfeld zu geraten, denn man ist “out PR”.
Das wohl erstaunlichste für mich ist, dass ich Scientology in dem Glauben, das Problem wäre in mir, verließ. Dass ich also, so sehr ich mich auch bemühte, einfach nicht gut genug war.
Es dauerte Jahre bis ich überhaupt begann, zu hinterfragen, überhaupt die innere Kraft aufbringen konnte, danach zu fragen, ob das Problem wirklich in mir war. Es dauerte noch viele Jahre mehr, um zu akzeptieren, dass das Problem nicht in meiner Person lag, sondern in den Lehren von Scientology zu suchen war. Und immernoch vermag der bloße Gedanke an Scientology in mir die wohl fürchterlichste Angst und den fürchterlichsten Terror, den man sich vorstellen kann, hervorzurufen. Wenn das ultimative Böse wirklich existiert, es wäre Scientology.
Die Wut, die Angst, der Zorn und der Hass liegen tief in mir verborgen. Niemals in meinem ganzen Leben werde ich Scientology vergeben können, noch werde ich Scientology jemals vergessen können. Ich hoffe lediglich, dass ich der Angst lange genug trotzen kann, um am Protest nächsten Monat teilzunehmen, da ich es mir selbst nicht verzeihen könnte, würde ich diese Gelegenheit ungenutzt lassen.
Ich habe Angst. Ich hege großen Groll. Wenn dir Anstand im Leben etwas bedeutet, wenn dir die Opfer, die Scientology hervorbringt, etwas bedeuten, dann wirst du neben mir stehen, hinter eine weissen Maske, ein Schild in der Hand. Sei ängstlich, sei ärgerlich und ignoriere meine Tränen.
Zweiter Post
Ich denke nicht, dass es möglich ist, meine Nachricht korrekt wiederzugeben. Jedenfalls gibt dir Scientology einen ernstzunehmenden “Mindfuck”. Glaubt man ihrer Meinung, so ist die “Technik” perfekt. Das ist etwas, von dem du weisst dass es zum Wohl Aller angewandt werden kann. Es wird dir als 100% funktionierende “Technik” vermittelt. Und wenn es nicht funktioniert, so trägst DU die Schuld daran - du bist böse und weigerst dich, es dir einzugestehen. In DIR gibt es ein verstecktes, unheimliches, teuflisches Verlangen, fürchterliche Sachen zu machen.
Was passiert aber, wenn du nach dem teuflischen Verlangen in dir gräbst und gräbst und gräbst, wenn du alles in deiner Macht stehende tust, um die bösen Sünden (Scientology nennt diese “overts” und “withholds”) zu vertreiben, und letztlich trotzdem daran scheiterst. Was passiert, wenn das Projekt, in welches du nicht bloß deine lebenslange, sondern deine Hingabe für die nächste Billion an Jahren gelobt hast, und für welches du ohne zu zögern sterben würdest, zum Scheitern verurteilt ist.
Das Ausmaß der völligen Niederlage und persönlichen Demütigung kann man mit nichts Geringerem als mit dem Wort unvorstellbar beschreiben. Es ist eine völlige Gehirnwäsche, welche man erst dann zu realisieren beginnt, wenn es viel zu spät für einen Rückzug ist.
Zu Beginn präsentiert sich Scientology sehr aufschlussreich, selbst erklärend und praktikabel. Einfache Dinge wie das Üben der korrekten Kommunikationsführung lassen sich augenblicklich umsetzen. Das alles wurde explizit so aufgebaut, dass du, mit lediglich geringem Zweifel, über diese Anfangshürde, welche eventuell für Frust sorgen könnte, navigiert wirst, und somit langsam den Gradwandel in den Wahnsinn vollziehen kannst.
Natürlich kannst du jetzt einfach sagen, dass dir sowas nie passieren könnte, aber sehr viele Leute haben in der Zwischenzeit einen sehr hohen Preis dafür bezahlt, damit du die Möglichkeit hast, dies zu tun.
Unzählige andere haben ihre Geschichten anderen mitgeteilt, um über ihren Schmerz hinwegzukommen. All diese Geschichten haben die Angst vor Vergeltung gemeinsam. Ehemalige Führungsmtglieder erinnern sich, wie weit sie früher gegangen wären, um ihre Sekte zu verteidigen. Sie realisieren, wie teuflisch, wahnsinnig und gnadenlos Führungsmitglieder sind. Sieh es dir selbst an.
Das Internet ist eine wunderbare Sache, und seine Fähigkeit, Leute in der ganzen Welt zu versammeln, ist atemberaubend. Weltweit finden sich zahlreiche Leute unter dem Banner von Anonymous zusammen. Wo früher Angst und Verzweiflung regierte, findet sich nun Hoffnung.
Ich bin der lebende Beweis: Ich, einer der Verstummten und Sprachlosen seit über 10 Jahen, flüstere wieder …
